01
Ein kurzer Blick auf die neuesten Veröffentlichungen
In den letzten Wochen wurden wieder mehrere Übersichtsarbeiten publiziert, die sich mit dem Einsatz von Probiotika bei unterschiedlichsten Störungen befassen. Dabei werden bekannte Bereiche abgehandelt, wie der Einsatz von Probiotika bei Obstipation und die Feststellung, dass dieses einfache Mittel in der Praxis viel zu wenig Beachtung findet (Dimidi 2019). Oder dass die Kombination von Lactobakterien und Bifidobakterien bei Reizdarm bessere Effekte zeigt als die Gabe eines Monopräparats (Liang 2019). Ebenfalls von Interesse ist die Erkenntnisse, dass die Gabe von Probiotika bei Depressionen sinnvoll sein kann, insbesondere in Kombination mit Antidepressiva (Nikolova 2019). Eine weitere Übersichtsarbeit befasst sich mit dem Einsatz bei Akne, da Probiotika über die Aktivierung spezieller immunologischer Reaktionen die Entzündungsreaktionen in der Haut regulieren können (Lee 2019).
Relevant, vor allem für junge Eltern, sind die Arbeiten, die sich mit dem Einsatz von Probiotika bei Säuglingen und Kleinkindern befassen. So wurde gezeigt, dass eine probiotische Intervention bei Kuhmilchallergie zu einer schnelleren Toleranz gegenüber dem Allergen führen kann. Zwar liegt diesem Ergebnis nur eine einzige große Studie zugrunde (Qamer 2019), aber angesichts des hohen Leidensdrucks bei Kindern und ihren Eltern ist die Verwendung von Probiotika auf jeden Fall zu befürworten. Ebenfalls interessant ist eine Auswertung der renommierten Cochrane-Database, die sich mit Probiotika und Säuglingskoliken befasst. Sechs Studien mit 1.886 Teilnehmern ergaben zwar keine klare Evidenz, dass die Verwendung von Probiotika während der Schwangerschaft und beim Säugling das Auftreten von Koliken besser verhindert als Placebo. Allerdings verringerte sich die „daily crying time“ von Säuglingen, die Probiotika erhielten (Ong 2019). Bereits dies wäre für viele Eltern von sogenannten „Schreibabys“ eine große Erleichterung.
02
Unsere Lippen sind versiegelt
Es gäbe also viel Positives zu vermelden. Nur hören Ärzte und Patienten nichts darüber. Schuld daran ist die Health-Claim-Verordnung, die noch immer keinerlei gesundheitsbezogene Aussagen zu den probiotischen Bakterien erlaubt. Von den 2011 zur Bewertung eingereichten 300 Anträgen wurde kein einziger von der EFSA zugelassen. Grund dafür waren damals in erster Linie die unvollständigen mikrobiologischen Beschreibungen der probiotischen Bakterienstämme, die erst später in Datenbanken erfasst wurden, sowie ein unzureichendes Studiendesign.
Da aber bis heute unklar ist, welche Studiendetails die EFSA für die Überprüfung der wissenschaftlichen Absicherung von den Antragstellern erwartet, halten sich die Hersteller mit weiteren Anträgen zurück. Leider zeigt die EFSA auch weiterhin kein Interesse, den Probiotika-Forschern das schwierige Terrain zu ebnen. Es scheint, dass die EFSA bzw. die EU-Kommission grundsätzlich keine Probiotika-Claims zulassen will. Mittlerweile wird befürchtet, dass die fehlende Informationsmöglichkeit den erzielten Fortschritt in der Probiotika-Forschung und künftige Forschungsaktivitäten stark beeinträchtigen wird.
Die deutsche Gesetzgebung setzt dann noch eins drauf. So stellte der deutsche Bundesgerichtshof (BG) in einem Urteil fest, dass der Konsument durch seine Lebenserfahrung die Bezeichnung „Probiotika“ mit einer gesundheitlichen Verbesserung assoziiert. Dies sei aber bereits eine unerlaubte (weil nicht genehmigte) gesundheitsbezogene Aussage. Die Folge: In Deutschland dürfen Probiotika nicht mehr Probiotika genannt werden. Dies alles zum Schutz des Verbrauchers wohlgemerkt.
03
Fazit
Am Beispiel der Probiotika wird wieder deutlich, wie sich eine ursprünglich gut gemeinte Regelung ins Gegenteil umkehrt. Wenn Ärzte und Therapeuten nicht umfassend informiert werden dürfen und Konsumenten durch fehlende Angaben verunsichert werden, dann ist das weder mit der Fürsorgepflicht der Ärzte und Therapeuten oder ihrer Informationsfreiheit und Therapiehoheit vereinbar, noch dient es dem Schutz der Konsumenten. Hier ist Ungehorsam angesagt. Mit Ihrer Hilfe und Ihrem Verständnis, lieber Leser, werden wir Mittel und Wege finden, um Sie als Arzt und Therapeuten regelmäßig über neue wichtige wissenschaftliche Erkenntnisse zu informieren.
)
)
)
)
)
)