MikronährstoffeErnährung

Hidden Hunger - Mangel im Überfluss

Ein Kind taucht einen Chicken-Nugget in Ketchup auf einem Teller mit Pommes und einer weiteren Soße.
Redaktion

04.09.20193 Min Lesezeit

Der 4. Internationale Hidden-Hunger-Kongress, der in diesem Jahr an der Universität Hohenheim stattfand, hat den Fokus von Ernährungsexperten und Medizinern zumindest kurzfristig wieder einmal auf das Thema „Mangel im Überfluss“ gelenkt. Zu den Hauptproblemen der Welternährung zählt neben der leider noch immer existierenden Unterernährung (Hunger) zunehmend auch die Überernährung (Übergewicht). Parallel dazu existiert die Mangelernährung (Vitamin- und Mineralstoffdefizite), die nicht auf den ersten Blick erkennbar ist und deshalb als „hidden hunger“ (versteckter Hunger) bezeichnet wird. Eine einseitige und falsche Ernährung kann nämlich sowohl zu Übergewicht als auch zu einem Mangel an Mikronährstoffen führen. Dieses Phänomen bezeichnet die Weltgesundheitsorganisation (WHO) als „Double Burden of Malnutrition“ (doppelte Belastung durch Fehlernährung).

 Mit steigender Tendenz sind nicht nur die Industrieländer, sondern auch die Entwicklungs- und Schwellenländer mit dem Doppelproblem Übergewicht und Hidden Hunger konfrontiert. Der versteckte Hunger ist definiert als eine unzureichende Versorgung mit einem oder mehreren Mikronährstoffen, die keine eindeutigen klinischen Symptome aufweist. Der Auslöser ist eine falsche Ernährung, die den ungesunden Lebensmitteln durch Unwissenheit und falsche Gewohnheit einen höheren Status einräumt als den gesunden Alternativen. Das Geburtstagsessen in einem gängigen Fastfood-Restaurant bringt bereits Vorschulkindern eine besondere soziale Anerkennung in ihrer Referenzgruppe. Diese Hinwendung zu verarbeiteten und mikronährstoffarmen Fertigprodukten wird durch die gekonnten Werbeaktivitäten global agierender Lebensmittelkonzerne zusätzlich gefördert. Ein zeitoptimierender Lebensstil lässt außerdem wenig Raum für die eigene Zubereitung der täglichen Mahlzeiten.

Der Ernährungsmediziner Professor Hans Konrad Biesalski von der Universität Hohenheim befasst sich seit über 30 Jahren mit Vitaminen und Mineralstoffen. Als der führende deutsche Experte liefert er immer wieder schlagende Argumente gegen die Behauptung, in Mitteleuropa gäbe es keinen Mikronährstoffmangel. Tatsächlich ist ein klinisch sichtbarer Vitamin- oder Mineralstoffmangel auch sehr selten. Die eindeutig beschriebenen klinischen Symptome stellen nämlich das Endstadium einer Entwicklung dar, die sich über einen langen Zeitraum erstreckt. Aber auch die unzureichende Versorgung mit einem oder mehreren Vitaminen und Mineralstoffen kann bereits Krankheitswert haben. Nur wird diese mangels geeigneter Biomarker und ohne labordiagnostische Untersuchungen meist nicht festgestellt.

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Versteckter Hunger bei 15 Prozent der Kinder und Jugendlichen in Deutschland

Dass der verborgene Hunger auch in Deutschland, Österreich und der Schweiz ein Problem darstellt, zeigen Verzehrstudien und klinische Daten. Während die Problematik bei älteren und geriatrischen Personen in der Diagnostik mittlerweile doch (aber bei Weitem noch nicht ausreichend) Beachtung findet, wird der Mangelernährung bei Kindern und Jugendlichen noch viel zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Denn in der Politik und der staatlichen Ernährungs- und Verbraucherberatung (und leider oft auch noch in der Medizin) überwiegt die Ansicht, unsere Lebensmittel würden uns ausreichend ernähren. Umso erstaunlicher, was in einer Pressemitteilung der deutschen Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung zu lesen ist: „Der versteckte Hunger tritt in Deutschland bei 15 Prozent der Kinder und Jugendlichen auf, von denen etwa sechs Prozent als fettleibig eingestuft werden. Bei Kindern aus Familien mit niedrigem sozioökonomischem Status ist der Wert fast dreimal so hoch.“

Diese Zahlen sollten nicht nur Kinderärzte alarmieren. Die negativen Auswirkungen einer unzureichenden Versorgung auf die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen und auf die spätere Leistungsfähigkeit und den lebenslangen Gesundheitsstatus sind hinlänglich bekannt. Der schnelle Ausgleich von Vitamin- und Mineralstoffmängeln zur Vermeidung langfristiger Schädigungen – als besonders kritisch werden Kalzium, Eisen, Jod, Zink, Vitamin D und Vitamin E angesehen – ist Sache des behandelnden Arztes und Therapeuten. Aufklärungsprojekte über gesunde Ernährung für Patienten, Schwangere, Mütter und ihre Kinder helfen punktuell. Aber Ernährungsprogramme und Ratschläge nützen wenig, wenn die empfohlenen Lebensmittel für den Einzelnen oder Familien nicht finanzierbar sind. Mit dem mantraartig gebrauchten Argument, jeder könne sich gesund ernähren und in Deutschland gebe es keinen Mangel, ist Menschen an der Armutsgrenze wenig geholfen. Hier ist sowohl die Sozial- als auch die Gesundheitspolitik gefragt. Die erste Anlaufstelle wird aber immer der Arzt bleiben, der während der Diagnose aller Patienten, nicht nur der Kinder und Jugendlichen, auch den Mikronährstoffstatus in Betracht ziehen sollte.

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Fazit

Übergewicht und Hidden Hunger sind ernstzunehmende Probleme, die Industrienationen und Schwellenländer gleichermaßen betreffen. Aber während die Unterernährung in den noch weniger entwickelten Ländern im Fokus der Ernährungspolitik steht, wird in den Industrienationen – allen voran in Deutschland und Österreich – weitgehend ignoriert, dass 15 % der heimischen Kinder und Jugendlichen subklinische Mängel zeigen. Es wird Zeit, sich dieser Tatsache zu stellen.

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Quelle:

Biesalski, H. K. 2019. Vitamine und Gesundheit. Z Komplementärmedizin. 11(4):32–7.

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