Mikronährstoffe

Abwehrschwäche oder Eigentor?

Leute, die auf einem Außenplatz Fußball spielen; eine Frau in schwarzer Sportkleidung dribbelt den Ball, während eine andere Person versucht, sie zu blocken.
Redaktion

28.07.20172 Min Lesezeit

Unter der Headline „Abwehrschwächen“ widmet sich eine namhafte überregionale deutsche Tageszeitung dem Thema Erkältung und Vitamin D. „Vitamin D schützt nicht vor Erkältungen – anders als gedacht“ titelt der Beitrag des als vitamin-kritisch bekannten Chefredakteurs. Dass durch die Auslassung wesentlicher Informationen dem geneigten (und von meiner Seite mittlerweile ungeneigten) Lesern ein völlig falscher Eindruck über die Datenlage vermittelt wird, zeigt wie tendenziös zum Thema Vitamine berichtet wird.

Es geht um die Studie „Effect of High-Dose vs Standard-Dose Wintertime Vitamin D Supplementation on Viral Upper Respiratory Tract Infections in Young Healthy Children“ einer kanadischen Forschergruppe um Mary Aglipay und Jonathan Maguire. Dabei wurden 700 Kinder im Alter von 1 bis 5 Jahren entweder mit 400 IE oder mit 2.000 IE Vitamin D täglich supplementiert. Weiters wurde das Auftreten von Atemwegserkrankungen in diesem Zeitraum dokumentiert. Das Ergebnis zeigt keine signifikanten Unterschiede zwischen den beiden Gruppen in Bezug auf Erkältungs- und Influenza-Häufigkeit.

Diese Daten bestärken nun den Autor des Artikels „Abwehrschwächen“ in seiner festen Überzeugung, dass Vitamin D zu den Substanzen gehört, bei denen „die Hoffnung stärker ist als die Wirkung“. Sogar von der „Zerstörung eines weiteren Vitamin-D-Mythos“ wird gesprochen.

Was er uns verschweigt: Die Kinder, die an der Studie teilgenommen haben, wiesen einen mittleren Vitamin-D-Wert von 90 bzw. 92 nmol/l (35,9 bzw. 36,9 ng/ml) auf und waren damit bereits zu Beginn der Untersuchung bestens mit Vitamin D versorgt. In Kanada, wie auch bei uns, gelten Plasmalevel von über 75 nmol/l als optimal.

Der Nutzen einer Supplementierung nimmt selbstverständlich mit der Zunahme des Versorgungsstatus ab. Ein optimaler Status ist zudem so definiert, dass bei einer Erhöhung des Levels kein weiterer gesundheitlicher Nutzen zu erwarten ist. Genau das belegt auch diese Studie. Kleine Kinder zwischen 1 und 5 Jahren benötigen keine Hochdosierungen, wenn sie sowieso schon einen sehr guten Versorgungsstand aufweisen. 400 IE/Tag sind ausreichend. Das Fehlen einer Kontrollgruppe ohne Vitamin-D-Substitution ist zwar der Studienmethodik geschuldet, ein Vergleich wäre aber sicher aufschlussreich gewesen. Ein Hinweis darauf hätte einem seriösen Artikel ebenfalls nicht geschadet.

Was wir aber auch nicht vergessen sollten: Von solch guten Vitamin-D-Werten wie die in der kanadischen Studiengruppe können österreichische Schulkinder (und ihre Kinderärzte) nur träumen: 62,3 % der Mädchen und 55,8 % der Buben haben leicht (25 – 50 nmol/l) oder deutlich erniedrigte (< 25 nmol/l) Vitamin-D-Werte (wie der Österreichische Ernährungsbericht festgestellt hat). In Deutschland sieht es ähnlich aus, dort weisen 62 % der Jungen und 64 % der Mädchen erniedrigte Vitamin-D-Spiegel unter dem Grenzwert von 50 nmol/l auf (laut KIGGS Studie mit über 10.000 Kindern).

Dass Vitamin D für die Funktion des Immunsystems von Kindern notwendig ist, ist wissenschaftlich mittlerweile unbestritten. So stellt beispielsweise die kanadische Pediatric Society fest: Mit Evidenz Level III ist bewiesen, dass Vitamin D an der Regulation des Zellwachstums, der Immunleistung und dem Zellmetabolismus essentiell beteiligt ist. Die Kinderärzte sind zudem der Meinung, dass es nötig sein kann, bis zu 2,5 µg/kg/d zu supplementieren, um einen optimalen Level von > 75 nmol/l zu erreichen.

Mein Fazit daraus: Guter Journalismus informiert ausgewogen über ein Thema. Gerade aber die Bereiche Vitamine, Mineralstoffe und ihre Ergänzungen sehen wenig von diesem Grundsatz guter alter Journalistenschule. Hier überwiegen die gebetsmühlenartigen Wiederholungen tendenziös einseitiger Berichte und diese verunsichern die Leser.

Ich möchte nicht falsch verstanden werden: Persönliche Meinungen – ob für oder gegen Supplemente – muss man frei äußern dürfen. Aber sie gehören entsprechend gekennzeichnet, als Kommentar, als Meinung oder als Blog. Ohne Ziehung dieser Grenzen missbraucht der Journalismus seine Stellung als unabhängige Informationsquelle. Das schadet allen und führt letztlich zu einem Eigentor, wie wir mittlerweile sehen: Nur noch die Hälfte der EU-Bürger hält die Presse für glaubwürdig. Das ergab eine Umfrage der EU Kommission.

Ich gehöre zur anderen Hälfe.

 Quellen:

Werner Bartens: „Abwehrschwächen“. Titelseite der Süddeutsche Zeitung vom 19. Juli 2017

Aglipay M et al: “Effect of High-Dose vs Standard-Dose Wintertime Vitamin D Supplementation on Viral Upper Respiratory Tract Infections in Young Healthy Children”. JAMA. 2017 Jul 18;318(3):245-254.

Canadian Pediatric Society, Godel et al. “Vitamin D supplementation: Recommendation for Canadian mothers and infants”. Paediatr Child Health 2007; 12(7): 583-9.

Europäische Kommission: Spezial Eurobarometer 452. November 2016.

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