01
Verblüffende Reaktionen
Placebo-Behandlungen können hoch effektiv und langfristig wirksam sein. Selbst wenn der Patient weiß, dass es sich um ein Scheinmedikament oder eine Scheinbehandlung handelt. Positive (aber auch negative) Erwartungen bei Patienten und Ärzten, z.B. aufgrund früherer Erfahrungen mit der eingesetzten Behandlungsmethode, oder allein schon der Kontakt mit einem Therapeuten tragen zum Erfolg bei. Dies gilt besonders für subjektive Parameter, wie die Schmerzwahrnehmung oder depressive Stimmungen. Der Effekt kann aber auch in biologischen Reaktionen nachgewiesen werden, z.B. bei der Immunaktivität, bei neuronalen Übertragungsprozessen oder der Hormonausschüttung.
Spezifische Vorerfahrungen unterstützen die Placebo-Wirkung. Wie der Pawlow'sche Hund, der auf einen Gongschlag mit Speichelfluss reagiert, lernt auch der Mensch auf wiederholte Einwirkungen systematisch zu reagieren. Wurden bereits positive Erfahrungen mit einem Schmerzmittel gemacht, kann bereits der Akt der Einnahme ausreichend sein, damit Sekunden später eine Schmerzreduktion erlebt wird, lange bevor das Medikament tatsächlich an den Synapsen wirkt. Besonders bei Kindern werden starke Reaktionen auf Scheinbehandlungen beobachtet.
Allerdings reagieren nicht alle Patienten gleichermaßen auf Placebos. Warum das so ist, versuchen Wissenschaftler seit einigen Jahren herauszufinden. Besonders die klinische Forschung ist daran interessiert. Denn könne man die Placebo-Responder von vorne herein von Studien ausschließen, wären weniger Probanden notwendig, um statistisch relevante Unterschiede festzustellen. Ein gewaltiger Kostenvorteil.
02
Die genetische Disposition als Erklärung
Seit Längerem wird diskutiert, ob es genetische Varianten sind, die die unterschiedlichen Reaktionen verantworten – eine These, die aktuelle Veröffentlichungen mehr und mehr erhärten. Sogar ein neuer Begriff wurde dafür geschaffen: placebome (Zusammensetzung aus den englischen Begriffen placebo und genome).
So spielen Polymorphismen des COMT-Gens bei der Placebo-Reaktion eine Rolle. Das COMT-Gen steuert den Aufbau des Enzyms Catechol-O-Methyltransferase. Diese wiederum baut die Catecholamine ab, u.a. Dopamin und Adrenalin. Vom COMT-Gen sind zwei Varianten bekannt: „val“ und „met“. Sind zwei gleiche Allele vom „val“-Typ auf den beiden DNA-Strängen vorhanden, wird Dopamin schneller abgebaut als bei zwei Allelen der „met“-Variante. Dopamin spielt zudem eine Rolle im Belohnungssystem des Gehirns, was das Gefühl der Erleichterung nach einer Behandlung vermittelt. Tatsächlich reagierten die Träger der „met“-Varianten auf eine vorgetäuschte Akupunkturbehandlung wesentlich stärker als die „val“-Typen. Eine aktuelle Studie zeigte nun, dass Personen mit zwei „met“-Varianten während medizinischer Behandlungen auch mehr Angstgefühle aufweisen, wodurch sich vielleicht auch die stärkere Reaktion auf Placebo ableiten lässt.
Bekannt ist mittlerweile auch, dass eine Variation am OPRM1-Gen, das für die Expression des µ1-Opioidrezeptors verantwortlich ist, die Placebo-Reaktion beeinflussen kann. Das Opioidsystem ist sowohl an der Schmerzwahrnehmung als auch an Belohnungsprozessen beteiligt.
03
Wie auch immer: Placebo wirkt
Der Placebo-Forscher Prof. Winfried Rief von der Universität Marburg fordert die konsequente (Wieder-)Eingliederung dieser Effekte in die klassische Medizin. Dem schließen wir uns an. Denn einen wirklichen Therapieerfolg hat man nur, wenn neben den evidenzbasierten Maßnahmen auch Behandlungswege eingeschlagen werden, die den Placebo-Effekt aktiv nutzen. Werden diese Wirkungen nicht wie bisher als Störfaktor betrachtet, sondern einer eigenen wissenschaftlichen Bewertung unterzogen, kann sich daraus ein weiterer Behandlungsansatz entwickeln, von dem die Patienten mit schnellen und nachhaltigen Therapieerfolgen profitieren.
)
)
)
)
)
)