Mikronährstoffe

Sinnvolle Information oder Falschaussage: Der Nutritional Reference Value

Eine Person, die gelbe Kapseln aus einer weißen Flasche auf einen Holztisch in ihre Hand schüttet, daneben steht ein Glas Wasser.
Redaktion

09.04.20192 Min Lesezeit

Referenz- und „Normalwerte“ können Verwirrung und Verunsicherung stiften, aber auch in falscher Sicherheit wiegen – sowohl im medizinischen Bereich als auch bei der empfohlenen Zufuhr von Vitaminen und Mineralstoffen. Referenzwerte irritieren besonders dann, wenn man sie als fixe Werte für den individuellen Bedarf ansieht. Und genau das wird dem Verbraucher suggeriert, der sogenannte NRV-Werte (Nutritional Reference Values) auf den Etiketten von Lebensmitteln betrachtet. Was zur Information des Verwenders gedacht ist, sorgt für Unklarheit und kann im Extremfall zu einer völlig falschen Annahme führen.

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Information oder Falschaussage?

Zum Schutze des Verbrauchers ist der Hersteller verpflichtet anzugeben, wie viel Prozent des Tagesbedarfs an einem Vitamin oder Mineralstoff durch den Verzehr des Produkts gedeckt werden. Beispiel: Enthält ein Ergänzungsprodukt 80 mg Vitamin C, so deckt es laut Gesetz 100 % des Tagesbedarfs an Vitamin C.

Wie absurd dieser Wert ist, ist bereits daran erkennbar, dass ein 100 kg schwerer, 2 Meter großer Mann sicher einen anderen Vitamin-Bedarf hat als eine 45 kg schwere, 150 cm große Frau – ein älterer Mensch eine andere Bedarfssituation hat als eine junge Person. Auch jemand der Medikamente verwendet, benötigt mehr, ganz zu schweigen von den mittlerweile bekannten (und durchaus auch prävalenten) Polymorphismen bei der Verstoffwechselung von Vitaminen. Das Beispiel der MTHFR-Mutation im Folat-Metabolismus ist geläufig. Aktuell schlagen die Erkenntnisse zur individuellen Vitamin-D-Resistenz wissenschaftliche Wellen.

Der Nutritional Reference Value (NRV) auf dem Etikett von Vitamin- und Mineralstoffpräparaten ist also wenig hilfreich, wenn es um die Deckung des tatsächlichen individuellen Bedarfs geht.

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Erklärungsnotstand

Wie diese Referenzwerte überhaupt zustande kommen, ist auch eine Wissenschaft für sich. Forscht man etwas genauer nach, so ist eine Webseite der EFSA zu finden, die uns Verbrauchern folgende – in meinen Augen mehr als kryptische – Erklärungen bietet:

Unter Nährstoffaufnahme-Referenzwerten (…) versteht man sämtliche Nährstoffempfehlungen und Referenzwerte für die Aufnahme von Nährstoffen wie etwa Referenzaufnahmemengen für die Bevölkerung, den durchschnittlichen Nährstoffbedarf, die angemessene Aufnahmemenge und den unteren Aufnahmegrenzwert. Die Nährstoffaufnahme-Referenzwerte können beispielsweise als Grundlage für Referenzwerte bei der Lebensmittelkennzeichnung und zur Erstellung von lebensmittelorientierten Ernährungsleitlinien (Food-Based Dietary Guidelines – FBDG) verwendet werden. Mithilfe derartiger Ernährungsleitlinien werden die empfohlenen Nährstoffaufnahmemengen in praktische Empfehlungen für die Ernährung und den Verzehr bestimmter Lebensmittel umgesetzt, die Verbrauchern wertvolle Orientierungshilfe geben und ihnen helfen, sich gesund zu ernähren. https://www.efsa.europa.eu/de/topics/topic/dietary-reference-values

Diese „wertvolle Orientierungshilfe“ verstehe nun, wer wolle. Der Durchschnittsverwender eines Vitaminpräparats versteht es vermutlich nicht.

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Zahlensalat

Was die Nutritional Reference Values aber zu einem echten Ärgernis macht, ist die Tatsache, dass Behörden diese Werte für verbindlich nehmen und sich seit Jahren bemühen, Vitamin- und Mineralstoffpräparate ausschließlich an diesen Werten zu orientieren. Beispielsweise erlaubt die Schweiz bei Mineralstoffen und Spurenelementen nur 100 % NRVs als Tagesdosis, bei Vitaminen sind es in der Regel 300 %. Und all dies geschieht unter dem Deckmäntelchen des Verbraucherschutzes.

Ein weiteres Ärgernis ist die verzögerte Anpassung der NRVs an neue wissenschaftliche Erkenntnisse. So haben die DACH-Ernährungsgesellschaften bereits 2012 (!) die Zufuhrempfehlung von Vitamin D von 5 µg auf 20 µg erhöht. Zur Berechnung des NRV auf dem Etikett sind aber noch immer 5 µg vorgeschrieben. Nach allem, was wir heute über Vitamin D wissen, sind ja bereits die 20 µg überholt – von den 5 µg ganz zu schweigen.

Und vor zwei Jahren wurde die empfohlene tägliche Zufuhrmenge von Kalium von täglich 2.000 mg auf 4.000 mg für Männer und Frauen verdoppelt. Auch hier ist bis jetzt noch keine Anpassung erfolgt. Für die NRV-Berechnungen auf dem Etikett gelten noch immer die 2.000 mg. Auch hier wäre eine schnellere Umsetzung dringend geboten.

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Fazit

Referenzwerte sind wie Statistik – deshalb gilt auch hier: Glaube nur den Werten, die du selbst erstellt hast. Die EFSA und die Behörden können deshalb weiterhin ihre Werte als das Nonplusultra betrachten – wir Experten für Vitamine und Mineralstoffe und die gesamte Mikronährstoffmedizin stehen diesen Daten dagegen sehr kritisch gegenüber.

Und übrigens: Wer glaubt, dass Verbraucherschutz den Verbraucher schützt, der glaubt auch, dass Zitronenfalter Zitronen falten.

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