Leben

Waldbaden: Willkommen in der heilsamen Welt der Bäume!

von Mag. Margit Weichselbraun
am 20.04.2021

Ein Hauch von Moos, Blätterrauschen, frischem Blattgrün. Wer sich im Leben nach Entspannung und Ruhe sehnt, kann in die Atmosphäre des Walds abtauchen. Ein Bad zwischen Holzgewächsen ist nicht nur Balsam für Körper, Seele und Geist, es hat auch eine eindrucksvolle Wirkung auf unser körpereigenes Abwehrsystem. Doch woher kommt der Trend? Und was sagt die Wissenschaft dazu?

Was ist Waldbaden & woher kommt es?

Waldbaden. Was nach esoterischem Firlefanz klingt, offenbart sich bei näherer Betrachtung als eine wissenschaftlich anerkannte Form der Gesundheitsförderung. Am Anfang des Waldbadens stand eine Marketingkampagne: So versuchte das japanische Ministerium für Landwirtschaft, Forste und Fischerei in den frühen 1980er-Jahre mit dem findigen Marketing-Slogan „Shinrin Yoku“ (frei übersetzt: „ein Bad in der Waldatmosphäre nehmen“), die einstigen so naturverbundenen Einheimischen wieder vermehrt in die Wälder zu locken.

Vom Marketing-Gag zur wissenschaftlichen Disziplin

Wissenschaftlich von einem millionenschweren Forschungsprogramm begleitet, führte die Idee des Waldbadens bald zu ungeahntem Erfolg. So entschleunigen im nationalen Erholungswald von Akasawa mittlerweile um die 5 Millionen Japaner jährlich. Auf japanischen Universitäten hat „Waldmedizin“ als eigene wissenschaftliche Disziplin Einzug gehalten und mehrtägiges „Shinrin Yoku“ gibt es bei so manchem japanischen Arzt auf Rezept.

Waldbaden in unseren Breiten

Auch in Europa schnuppern immer mehr Menschen Waldluft. Schließlich sind nicht nur japanische Pinien, Lerchen und Zedern heilsam, sondern auch europäische Fichten, Kiefern und Buchen. Auf den Spuren der japanischen Gesundheitsvorsorge bietet das Immanuel-Krankenhaus Berlin mittlerweile einen Waldbadepfad am Berliner Wannsee an. Über die gesundheitsfördernden Aspekte eines Waldaufenthalts wird wiederum in Bayern geforscht, wo der Bayrische Heilbäder-Verband (BHV) in Zusammenarbeit mit der Ludwig-Maximilians-Universität München das Projekt „Wald und Gesundheit“ ins Leben gerufen hat.

Das Wunderbare an der japanischen Naturtherapie ist, dass in unseren Breiten gehörig viel Wald zur Verfügung steht – ein für jeden greifbarer und kostenloser Schatz, den wir durchaus gerne und oft nutzen sollten.

Wirkung des Waldbadens: Die Sehnsucht nach dem Heimkommen

Doch was macht Waldbaden für uns Menschen so heilsam? Viele Jahrtausende lang war die Erdoberfläche von deutlich mehr Wäldern bewachsen, als es heutzutage der Fall ist. Unsere Vorfahren durchkreuzten die Urwälder, schliefen im Schutz der Baumriesen und lebten von der Flora und Fauna auf ihnen und um sie herum. Möglicherweise wohnt heute noch ein Stück genetische Sehnsucht in uns, in die Wälder abzutauchen und uns dort eine Zeit lang zu verwurzeln. Von dieser „Biophilia“ ist zumindest der Evolutionsbiologe Edward O. Wilson von der Harvard University überzeugt.

Waldbaden fürs Seelenwohl

Wer sich auf den Wald mit all seinen Sinnen einlässt – Walddüfte inhaliert, Naturgeräusche und das Licht-Schatten-Spiel wahrnimmt –, aktiviert den Parasympathikus, den sogenannten Ruhenerv des Körpers: Atem- und Herzfrequenz nehmen ab, der Blutdruck sinkt.

Untersuchungen zeigen, dass bereits 20 bis 30 Minuten im Grünen ausreichen, um den Spiegel des Stresshormons Cortisol zu reduzieren. Eine Forschungskooperation zwischen der University of Exeter, der University of Queensland und des British Trust of Ornithology fand zudem Hinweise, dass Waldbesucher sich umso glücklicher einschätzen, je mehr Bäume und Büsche sie sehen und je mehr Vögel sie zwitschern hören. Bereits das sanfte Plätschern eines Baches kann die Stimmung aufhellen.

Was Studien zeigen, kann man am eigenen Leib erfahren: Unter dem Schutz der hochgewachsenen Pflanzen rücken der Stress und die Belastungen des Alltags zumindest eine Zeit lang in den Hintergrund. Der Frischeeffekt entfaltet sich nicht nur auf seelischer Ebene. Auch Zellen und Organe haben dann Zeit zum Regenerieren.

Grüne Regeneration

Farbpsychologen schätzen die vielen Grüntöne des Waldes als beruhigend und harmonisierend ein. Bereits der Anblick eines Waldes kann den Stresshormon-Spiegel im Blut senken sowie Wohlbefinden und Stimmung heben. Zudem zeigte eine Studie, dass die Wunden von Patienten mit „Baumblick“ schneller heilten, sie weniger Schmerzmedikamente benötigten und früher aus dem Krankenhaus entlassen werden konnten.

Da liegt was in der Luft

Im Wald herrscht eine ganz besondere Atmosphäre. Während an den Blättern Wasser verdunstet, verringern die Baumkronen die Sonneneinstrahlung. So entsteht das typische „Waldmikroklima“ mit weniger Licht, ausgeglicheneren Temperaturen, geringeren Luftbewegungen und höherer Luftfeuchtigkeit. Überdies verströmen Bäume, Sträucher und Moose, aber auch Pilze und Bakterien Tausende chemische Stoffe. Diese sogenannten „Phytonzide“ dienen den Pflanzen zu unterschiedlichen Zwecken. Sie helfen ihnen beispielsweise bei der Schädlingsabwehr, der Kühlung oder der Kommunikation mit anderen Pflanzen.

Waldbaden wappnet Abwehrkräfte

Wer in einem Nadelwald tief einatmet, kann vielleicht einen Hauch ganz spezieller Phytonzide verspüren: Die intensiv riechenden Terpenoide gelten medinisch als besonders wirksam und werden insbesondere von Nadelbäumen wie Fichten, Tannen und Kiefern verströmt. Gerade diese botanischen Duftstoffe sollen es auch sein, die unsere Immunabwehr mit mehr Schutzzellen wappnen: So zeigte eine Studie, dass ein Tag im Wald den Anteil der wichtigen natürlichen Killerzellen um bis zu 40 % erhöht. Dieser Effekt hält etwa eine Woche an. Bei zwei Tagen im Wald verdoppelt sich die Wirkung sogar und es dauert einen ganzen Monat, bis das Niveau wieder sinkt. Laut einem Forscherteam rund um den Mediziner Qing Li scheinen Terpenoide im Gehirn zudem bestimmte Botenstoffe zu produzieren, die auf den Blutzuckerspiegel, Blutdruck und Stresshormone günstig wirken.

Wie funktioniert Waldbaden?

Wer sich auf den Wald mit all seinen Sinnen einlässt, ihm spielerisch wie ein Kind begegnet, der waldbadet bereits: Wie riecht die Luft, wie klingt die Natur? Höre ich Vogelgezwitscher, das Plätschern des Baches, das Rascheln von Blättern? Wie schmecken die Kräuter und Früchte des Waldes? Wie fühlt sich der Waldboden mit nackten Füßen an, wie die feuchten Blätter des Farns, wie das klebrige Baumharz? Welche Baumarten gibt es an meinem Kraftort? Kann ich Insekten beobachten und wie viele Grünnuancen erkenne ich?

Beim Waldbaden gilt es, zu erleben, statt zu denken – und verweilen ohne eilen. So kommt jeder mit Muße und Achtsamkeit in den Genuss der beeindruckenden Heilkraft des Waldes.

Na dann, raus aus dem Haus, rein in den grünen Kraftort und tief durchatmen! Der Wald wartet.


Referenzen:
Hunter M. C. R. et al. 2019. Urban Nature Experiences Reduce Stress in the Context of Daily Life Based on Salivary Biomarkers. Front Psychol. 10:722.

Cox, D. T. C. et al. 2017. Doses of Neighborhood Nature: The Benefits for Mental Health of Living with Nature. BioScience. 67(2):147–55.

Bratman, G. N. et al. 2015. Nature experience reduces rumination and subgenual prefrontal cortex activation. Proc Natl Acad Sci U S A. 112(28):8567–72.

Ka-Yin Yau, K., Loke, A. Y. 2020. Effects of forest bathing on pre-hypertensive and hypertensive adults: a review of the literature. Environ Health Prev Med. 25(1):23.

Li, Q. et al. 2008. Visiting a forest, but not a city, increases human natural killer activity and expression of anti-cancer proteins. Int J Immunopathol Pharmacol. 21(1):117–27.

Ochiai, H. et al. 2015. Physiological and Psychological Effects of a Forest Therapy Program on Middle-Aged Females. Int J Environ Res Public Health. 12(12):15222–32.

Li, Q. et al. 2006. Phytoncides (wood essential oils) induce human natural killer cell activity. Immunopharmacol Immunotoxicol. 28(2):319–33.

Li, Q. 2010. Effect of forest bathing trips on human immune function. Environ Health Prev Med. 15(1):9–17.

Antonelli, M. et al. 2019. Effects of forest bathing (shinrin-yoku) on levels of cortisol as a stress biomarker: a systematic review and meta-analysis. Int J Biometeorol. 63(8):1117–34.

Ohtsuka, Y. et al. 1998. Shinrin-yoku (forest-air bathing and walking) effectively decreases blood glucose levels in diabetic patients. Int J Biometeorol. 41(3):125–7.

Li, Q. 2019. [Effect of forest bathing (shinrin-yoku) on human health: A review of the literature.] Sante Publique. S1(HS):135–43.

Ideno, Y. et al. 2017. Blood pressure-lowering effect of Shinrin-yoku (Forest bathing): a systematic review and meta-analysis. BMC Complement Altern Med. 17(1):409.

Wen, Y. et al. 2019. Medical empirical research on forest bathing (Shinrin-yoku): a systematic review. Environ Health Prev Med. 24(1):70.

Geo. Heilsame Duftstoffe: Wie Bäume unser Immunsystem stärken. https://www.geo.de/natur/oekologie/21200-rtkl-heilsame-duftstoffe-wie-baeume-unser-immunsystem-staerken. Zugriff: 15.04.2021

Weitere Artikel
Stress abbauen – mit diesen 7 Tipps gegen Stress
Stress abbauen – mit diesen 7 Tipps gegen Stress
Stress ist kein geflügeltes Wort unserer Gesellschaft, sondern gefühlte Wahrheit. Laut einer Studie stehen immerhin 75 % aller deutschen Berufstätigen manchmal bis häufig unter Stress. Aber was genau ist Stress, was verursacht ihn und welche...
Weiterlesen
von Mag. Margit Weichselbraun
am 28.10.2022
Cortisol – das Stresshormon unter der Lupe
Cortisol ist ein zweischneidiges Schwert: Während das Stresshormon unabdingbar für unsere Stressabwehr ist, können dauerhaft erhöhte Cortisolwerte auf unserer Gesundheit lasten. Wir beantworten die wichtigsten Fragen rund um das Thema. 
Weiterlesen
von Mag. Margit Weichselbraun
am 26.02.2021
Helden der Natur
Schon früh erforschten und studierten Menschen weltweit ihren natürlichen Lebensraum, um ausgewählte Wildpflanzen, wie Kräuter, Beeren oder Pilze, gezielt für ihre Zwecke zu nutzen. Auch wir finden faszinierend, was Mutter Natur in ihrem...
Weiterlesen
von Lisa Ressi, MSc
am 01.10.2019